30 Jahre WALI

 
 

Die Arbeitsloseninitiative feierte im Nachbarschaftszentum Niedergirmes

30 Jahre WALI, dass sind

30 Jahre Arbeit, in der der Mensch im Mittelpunkt steht. »Wir achten seine Würde und nehmen seine Sorgen und Nöte ernst: unabhängig von seiner nationalen oder kulturellen Herkunft, seines Glaubens, seines Geschlechts oder seiner sozialen Herkunft. Bei unserer Arbeit gehen wir möglichst individuell, bedarfs- und ressourcenorientiert vor. Respekt und Wertschätzung sind für uns Grundlage jeder fachlichen Arbeit mit unseren Klienten und Ratsuchenden. Jeder Mensch hat, unabhängig von seinen Leistungen und Fähigkeiten, eine unantastbare Würde,« heißt es im Leitbild der WALI.

 

In einer Gesellschaft,

deren Normensystem Arbeit als durchweg positiv bewertet und die von einer Wohlstands- und Konsumideologie getragen wird, sind die Folgen von Arbeitslosigkeit für die Betroffenen von besonderer Tragweite. Es kommt neben den ökonomischen Folgen nicht selten zu psychosozialen Problemen für den Einzelnen, dessen soziales Umfeld und die Gesellschaft. Die WALI versucht die persönlichen und gesellschaftlichen Folgeerscheinungen zu beobachten, zu analysieren und mit entsprechenden Gegenstrategien und Interventionen zur Stärkung unserer Klienten beizutragen.

 

Zu den Kernaufgaben

gehören die Qualifizierung, Beschäftigung und Beratung von Arbeitslosen. Sie hilft Menschen bei wirtschaftlichen, gesundheitlichen oder psychosozialen Problemen und unterstützen sie bei sozialrechtlichen Fragen, bietet Qualifizierungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten an und hilft bei der Arbeitsmarktintegration. Weitere Arbeitsschwerpunkte sind sozialpolitische Lobby- und Kulturarbeit sowie Suchtprävention und Gesundheitsaufklärung. Hierzu gehören die seit 20 Jahren praktizierten Theaterprojekte für und mit erwerbslosen Menschen. Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums hat die WALI am 20.11.2019 ein Potpourri ihrer Theaterprojekte aus den vergangenen 20 Jahren geboten. Bilder und ein Bericht von Klaus Petri von diesem Abend im Nachbarschaftszentrum Niedergirmes.

 

Bilder © Klaus Petri

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30 Jahre WALI und 20 Jahre Theaterarbeit von und mit Arbeitslosen

Dieses Doppeljubiläum wurde von der WALI und 200 Gästen im Nachbarschaftszentrum ausgiebig gefeiert.

Die WALI-Vorsitzende Susanne Sievers würdigte in ihrer Ansprache das Gründer-Trio Angela Speitel, Klaus Lohnstein und Peter Diegel-Kaufmann, den langjährigen Geschäftsführer, und formulierte das Credo der 30-jährigen Jubilarin: »Gemeinsam ein Ziel verfolgen, Hoffnung und Lebensfreude entwickeln«, das ist uns überwiegend gut gelungen.

Für den Magistrat der Stadt Wetzlar gratulierte Bärbel Keiner: »Die WALI gehört zu Wetzlar und ist aus der Stadtgesellschaft nicht mehr wegzudenken.«

Das aktuelle Programm des 16-köpfigen Theaterensembles war in diesem Jahr mit dem Titel »Umkehren für ein Morgen – Jetzt!« überschrieben und beinhaltete Bekanntes aus früheren Programmen ebenso wie neue Szenen und Spielideen. Im Goethejahr 1999 – es war dessen 250. Geburtsjahr - startete die WALI-Kulturarbeit unter der künstlerischen Leitung von Schauspieler Erich Schaffner mit dem Goethe-Bonmot »Tätigkeit ist die erste Bestimmung des Menschen«. Denn: »Was verkürzt mir die Zeit? Tätigkeit! Was macht Sie mir unendlich lang? Müßiggang!«.

Keine Scheu zeigen gegenüber »den Brettern, die die Welt bedeuten«, war damals die Devise. »In jedem von uns steckt en klaane Göhde, er will nur net immer eraus«, hatte der Frankfurter Volksdichter Friedrich Stoltze (1783.1833) das einfache Volk ermutigt. Und auch Altmeister Goethe sah dies so: »Das poetische Talent ist dem Bauern ebenso gegeben wie dem Ritter«.

Wer kam damals in Wetzlar alles zusammen? Von Anfang an war die heute 75-jährige Diplompsychologin und Sozialmanagerin Irmtraud Franken aus Klein-Linden dabei. Ihr waren wegen »Beleidigung der CDU« von einem Siegener Gericht Sozialstunden aufgebrummt worden. Und statt Laub zu rechen heuerte sie bei den Theaterleuten an: »Ich spiele für mein Leben gerne Theater. Goethe, Schiller und Büchner sind meine Favoriten«.

Frührentner Markus Jünger (52) aus Bischoffen hatte vorher 1-Euro-Jobs und freute sich über die Chance, in der Kreisstadt Wetzlar neue Leute kennenzulernen, gemeinsam zu organisieren, zu singen und zu lachen. Er begleitet die Theaterproben mit einer teuren Kamera. Im Büchner-Stück Leonce und Lena brachte er mit Charisma den König Peter auf die Bühne. Relativ neu dabei sind der ehemalige Trucker Stefan Wagner (44) und die Ergotherapeutin Nihal Yilmaz (30) aus Leun.

Nach mehrmonatiger Arbeitslosigkeit fand sie bei einem Bewerbungsgespräch mit Peter Diegel-Kaufmann Anschluss an die Mimen-

 
 

Truppe. Im Stück »Herr Schrader läuft Amok« spielt sie den Industrie4.0-Roboter »Robby«, der Handwerksburschen aus der industriellen Frühzeit bei ihrer Zeitreise Einblicke in die Zukunft der Arbeitsgesellschaft gibt.

Nach der Auseinandersetzung mit dem vom Weimaraner Herzog Karl August geadelten Großbürger Goethe beschäftigte sich die Schauspielgruppe – quasi als dessen plebejischer Gegenfigur – mit dem als »falscher Kaiser von Wetzlar« bekannt gewordenen mittelalterlichen Hochstapler Tile Kolup. Ihm wurde auf Betreiben des »rechtmäßigen« Kaisers Rudolf von Habsburg der Prozess gemacht. Er wurde gefoltert und am 7. Juli 1285 in Wetzlar hingerichtet. Die WALI Leute haben ihn posthum mit einem aus bunten Emaille-Steinen gestalteten »Feuerthron« geehrt.

Georg Büchners Dramenheld »Woyzeck« ist auf deutschen Bühnen seit Jahrzehnten ein Dauerbrenner. Zum Jubiläum wurde die Rasur-Szene mit dem einfältig-arroganten Hauptmann gespielt und das Hoffnungslosigkeit ausstrahlende »Anti-Märchen« zur bekannten »Sterntaler-Erzählung« verlesen. 

Aktuelle Thematiken – der Titel »Umkehr…Jetzt!« nährt ja diese Erwartung – ergänzen die aus früheren Programmen bekannten Spiel-Szenen Das Flüchtlingselend im Mittelmeer findet einen Ausdruck im Wehklagen einer verzweifelten Mutter, deren Kinder ertrunken sind.

Das phantastisch gut gelungene Bühnenbild »Das Floß der Medusa« nimmt Bezug auf ein Unglück mit Schiffsbrüchigen 1816 vor der westafrikanischen Küste. Nihal Yilmaz rezitierte – mit Jakobinermütze – Passagen aus Greta Thunbergs New Yorker Rede vor der UNO.

Die Gelbwesten-Proteste finden Niederschlag in einer 1-Frau-Szene, wo ›Desirée‹ vor einem verwaisten Stuhl mit ›fronsösischem Akson‹ Klage darüber führt, dass der frühe Tod ihres Vaters in einer menschenfreundlichen Gesellschaft vermeidbar gewesen wäre: »Wir sind das, was wir nicht gemacht haben, weil man uns daran gehindert hat«.

Der gemeinsam gesungene Schluss-Akkord, ein Lied aus der 200 Jahre alten Demokratiebewegung, ist hingegen optimistisch gestimmt: »Wir sind alle freie Leute (…), weg mit dem, der kommandieren will!«.

Zu den Gästen des Theaterabends gehörte auch die Wetzlarerin Irmgard Mende, die 20 Jahre lang hessische Lehrkräfte im Theaterspiel geschult hat: »Wir haben hier eine bunte Truppe mit enormer Bühnenpräsenz erlebt. Die Mixtur aus eigenem Erleben und literarischen Bezügen ist überzeugend. Und dazu jede Menge Spielfreude, das Sich-Ausprobieren in anderen Rollen…so soll Theater sein!«, lautet ihr Kompliment an die WALI-Theaterleute.

Ein Bericht von Kaus Petri

 
 
 
 

Links

 

Informationen zur Wetzlarer Arbeitsloseninitiative

 

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