»Was ihr wählt!«

 
 

Theater odos präsentierte die tragikomische Wirklichkeit des AfD-Programms

am Di., 05.09.2017 in Wetzlar • Mi., am 06.09. in Herborn

Bei der Lektüre des Parteiprogramms

der AfD weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll. Beispielsweise mutet die Theorie, dass CO2 eine für das Pflanzenwachstum wichtige Substanz ist und daher der Klimaschutz pure Panikmache ist, komisch an. Dagegen tauchen in fast jedem Programmpunkt Migration, Migranten und Flüchtlinge als Problem auf: in Kultur, in der Bildung, in der Familienpolitik und sogar im Tierschutz.

 

Von Klaus Petri

»Was ihr wählt« heißt – in Anlehnung an Shakespeares Verwechslungskomödie »Was ihr wollt« – das neue Stück der Polit-Theatergruppe ODOS aus Münster. Der Plot: Eine jüngere und eine ältere PR-Frau basteln im Auftrag der AfD-Führung an einem Zielgruppen-orientierten Wahlprogramm, das aufklärungsresistenten Dumpfbacken, Zukunftsängstlichen, Misanthropen und nostalgischen Volkstümlern eine »Alternative zu den Systemparteien« unterbreitet.

»Warum wird Deutschland immer dümmer, immer krimineller und immer älter? Das bewegt die Leute!«, sind sich die Politik-Beraterinnen einig. Die schlichte Antwort: »Weil es hierzulande immer mehr Ausländer gibt, die hier nicht hingehören«. Auch bei Themen wie soziale Sicherheit und bezahlbarer Wohnraum sind »die Fremden« schnell als Sündenböcke ausgemacht. Auch der Ladenhüter »Schächtverbot«, mit dem die NSDAP am Ende der Weimarer Republik bereits um die Gunst deutscher Tierschützer buhlte, wird zum Propaganda-Schlager.

Das Rezept ist bewährt, intellektuelle Ansprüche beim Politik-Erklären stören nur, der Zweck heiligt die Mittel, der Wahlsieg und die vielen neuen Mandate sind zum Greifen nah. Gentechnik und Klimawandel sind schwer zu kommunizierende Zukunftsthemen. Oder doch nicht? - »Kohlendioxyd ist eine für das Pflanzenwachstum wichtige Substanz. Klimaschutz ist Panikmache« – hier ist die Satire plötzlich ganz dicht am O-Ton des AfD-Wahlprogramms.

»Gut ist, was gut klingt«, wissen die beiden von Alene Bacher und Johanna Kollet gespielten PR-Damen und phantasieren ein teutonisches Urlaubsidyll, das ruhig auch mal außerhalb der Landesgrenzen liegen darf: »Unser Urlaubsland ist da, wo sich die glutrote Sonne über einen schwarz-rot-goldenen Liegestuhl hinweg ins Meer senkt«. Das muss eben »katzenbergermäßig rüberkommen«, das RTL-Publikum »will das so«.

Um sich vom trögen Parteisprech der anderen abzuheben und patriotische männliche Jungwähler einzufangen, basteln die AfD-Serviceleisterinnen an einem Wahl-Spot »mit Durchschlagskraft«: »Ihr Kakerlaken, wenn ihr glaubt, ihr könnt einfach so aus euren kriegsruinierten Kloaken herauskriechen und uns hier mal eben berauben, habt ihr euch geschnitten!« Aber mit wem soll die Rolle des dynamischen, ordnungsliebenden Sheriffs besetzt werden, der den ungebetenen Gästen den Marsch bläst? »Til Schweiger?«. »Nee, wir nehmen den Ben Affleck, der Schweiger lässt doch so ’ne Flüchtlingsmustersiedlung bauen, der passt hier nicht.«

Für die AfD-Frontfrau Beatrix von Storch wird eine Unterhaltungssendung konzipiert. Motto: »Ich bin eine Storch, holt die anderen hier raus!«. »Brechende Dämme« angesichts der »Flüchtlingsflut« erscheint den beiden PR-Ladies als Metapher zu schwach, »die haben doch die Leitmedien der ›Lügenpresse‹ schon von uns übernommen«. Vorschlag zur Nachbesserung: »Nennen wir doch das Jahr 2015 das absolute Katastrophenjahr, in dem unsere christlich-abendländische Leitkultur im Brackwasser der Überfremdung versank.«

Der älteren der beiden AfD-Stichwortlieferantinnen kommen angesichts dieser pathetischen Apokalyptik Skrupel: Ist unsere abendländische Kultur nicht entscheidend durch das Morgenland geprägt worden? Was ist von vorgeblich traditionsbewussten Leuten zu halten, die die eigenen Traditionen in Wirklichkeit kaum kennen? Wird die Rettung von Pleitebanken mit Steuermitteln nicht weithin beschwiegen, während die Kosten für Flüchtlingsintegration aufgebauscht und skandalisiert werden?

Vordergründig heimelige Traditionen können als »Wiedergängerinnen der Geschichte« daherkommen und als entfesselte Gewalt, geboren aus krankhafter Paranoia, die Vernichtung »des Anderen« bewirken. »Nationale Identität« à la AfD wurde mit der Formel »Wir sind nur wir, wenn andere nicht so sind wie wir« übersetzt. Der Schluss-Appell der kraftvoll gespielten Polit-Satire »Seid deutsch! Salutiert vor dem Deutschsein!« war dann mit Sicherheit nicht ernst gemeint.

Humor und bitterer Ernst gehen in diesem rund einstündigen Stück Hand in Hand. Die 70 Besucher im vollbesetzten FRANZIS lohnten es mit viel Applaus. Heiko Ostendorf, Autor und Regisseur des bewusst mit zwei Frauen besetzten Stückes, unterlegte vom Bühnenrand her das Spiel von Alena Bacher und der aus Wetzlar stammenden Johanna Kollet mit langgezogenen Gitarrenklängen.

Organisiert hatte den Abend ein Bündnis aus Gewerkschaften und Antirassismus-Initiativen. Deren Sprecher Ernst Richter zitierte am Schluss aus der Zuschrift eines in der Flüchtlingsbetreuung tätigen Arztes aus dem heimischen Raum, der sich durch den Titel einer von der AfD am 19. September in Braunfels geplanten Veranstaltung »Migration und Kriminalität« an die NS-Hetzschrift »Judentum und Gaunertum« erinnert fühlt.

 
 

60 Besucher/-innnen lauschten im Franzis Hanna Kollet und Alena Bacher. Bilder © Ernst Richter

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Hierzu schreibt Heiko Ostendorf als Autor des Stücks:
»Dass eine Partei, die nachweisbar zwischen Wahn und Wahnsinn agiert und deren Programm voller Hass steckt, von immer mehr Menschen gewählt wird, ist – gelinde gesagt – erschreckend.

Man kann sich nun über die vermeintliche Dummheit der Wähler aufregen. Oder die politische und soziale Atmosphäre, in der die AfD ihre Erfolge feiert, analysieren, da die „Alternative“ nicht aus dem Nichts entstanden ist. Denn die AfD schürt nicht nur Ängste. Vielmehr nutzt sie die Ängste aus, die seit der Wiedervereinigung und spätestens seit der Umsetzung der so genannten Hartz-IV-Gesetze entstanden sind.
Die einfache Antwort der AfD auf die Ängste lautet: Tradition, Tradition und noch mehr Tradition.

Die Frau wird auf die Rolle als Mutter und Hausfrau reduziert. Der Mann zum Alleinverdiener und Patriarchen. Migration ist Verrat am Volk. Windkraftanlagen verschandeln die Aussicht. Kohlekraftwerke sollen gebaut werden. Und und und...
Aber zwischen den Zeilen des Programms warten die Überraschungen für viele der heutigen AfD-Wähler: Wegfall des Arbeitslosengeldes I, Kürzungen der Sozialleistungen, unsichere Beschäftigungen...«

 
 

Gerade hat die AfD getagt. Der Tisch steht noch voller Bierflaschen. Aber die Parteiführung ist verschwunden. Zwei PR-Frauen stehen nun vor einem großen Problem: sie sollten heute eigentlich das Parteiprogramm bekommen, um es der Öffentlichkeit zu präsentieren. Jetzt bleibt auch das Schreiben des Programms an ihnen hängen. Ungeschminkt formulieren sie die Inhalte von Präambel, Familienpolitik, Umweltpolitik und Ausländerpolitik. Sie merken aber schnell, dass die rassistischen und frauenfeindlichen Vorstellungen der AfD überarbeitet werden müssen. Dafür haben die beiden Frauen einen Computer mit Verharmlosungsprogramm! Doch das Ergebnis ist trocken und wenig reißerisch. Daher muss eine unterhaltsame Umsetzung her...

Allmählich bekommt eine der PR-Frauen ein schlechtes Gewissen. Längst hat die AfD die Herrschaft in Deutschland übernommen. Und jeder, der die "alternative" Politik in Frage stellt, muss umerzogen werden. Jetzt bekommen die PR-Frauen das Ergebnis der AfD-Politik am eigenen Leib zu spüren: Diskriminierung der Frauen, der Ausländer, der Arbeitslosen...

Satire und bitterer Ernst gehen in diesem rund einstündigen Stück Hand in Hand. Mit Humor werden die wichtigsten Inhalte des AfD-Programms wiedergegeben. Mit tragischem Ernst die Folgen des Programms gezeigt. Ein Theaterabend der nachdenklich, unterhaltsam und erschütternd zu gleich ist.

 
 
Johanna Kollet
 
 

Johanna Kollet

wurde 1971 in Wetzlar geboren. Das Schauspielstudium führte sie nach Stuttgart an die staatliche Hochschule für Musik und darstellende Kunst, wo sie von 1990 bis 1994 studierte und mit Diplom abschloss.

Stationen ihres künstlerischen Werdegangs sind u.a. Theater „Die Rampe im Zahnradbahnhof“, Stuttgart; Stadttheater Oberhausen; Städtische Bühnen Münster;
Tournee Theater Landgraf.

In vielen freien Produktionen wirkte sie mit, z.B.: „Mutter haben.Sein“ FreiFrau; „Asylant im Wunderland“ Theater Odos; u.a.

Am deutschen Institut für Tanzpädagogik bildete sie sich zusätzlich zur Tanzpädagogin (ITP) aus mit dem Schwerpunkt Choreografie. Sie gibt im Bereich Tanzpädagogik und Theaterpädagogik Seminare für Schüler und Erwachsene.

 
 
 
Alene Bacher
 
 

Alena Bacher

wurde 1989 in Tuttlingen (Baden-Württemberg) geboren.

Sie hat an der Internationalen Schauspielakademie CreArte studiert und 2012 ihren Abschluss gemacht. Seit dem ist sie sowohl auf der Bühne als auch im Fernsehen zu sehen.

Rollen hatte Bacher unter anderem im Tatort »Freigang« und in den Kinofilmen »God of Happiness« sowie »Shadow of your love«. Außerdem hat sie in diversen Werbeproduktionen vor der Kamera gestanden und als Fotomodel und auf dem Laufsteg gearbeitet.

Homepage von Alena Bacher

 
 
 
Heiko Ostendorf


 
 

Heiko Ostendorf

ist in Münster geboren und studierte in Osnabrück Literaturwissenschaft sowie Theologie.

Seitdem ist er als Journalist und Theaterkritiker für die taz, Theater der Zeit, Musik und Theater, Neue Osnabrücker Zeitung, Münstersche Zeitung, Neue Westfälische u.v.m. tätig. Seine Magisterarbeit verfasste er über das Thema „Aktuelles politisches Theater im deutschsprachigen Raum.“

Heiko Ostendorf ist Gründer und künstlerischer Leiter des theater odos. Er verfasst alle Stücke, inszeniert sie und ist als Musiker auf der Bühne.

 
 
 
 
 

theater odos bringt Jugendlichen und Erwachsenen wichtige Themen nahe, die meist in der Öffentlichkeit unbeachtet bleiben. theater odos kommt mit seinen Stücken gerne zu Ihnen und kann an jedem Ort spielen. Die entsprechende technische Ausstattung bringt das Theater mit. Eine Aufführung von theater odos passt daher auch in ihr Bildungsprogramm oder eignet sich gut als kultureller Höhepunkt für Ihre Tagungen oder Seminare.

Weitere Inforamtionen und Kontaktdaten zu theater odos

 
 
 
 
 
 

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