Veranstaltungen

 
 

Themenabend mit NSU-Watch am 10.06.2016, 19:00 Uhr

»Aufklären & Einmischen • Aydınlatma ve Müdahale«

Der Themenabend mit NSU-Watch Hessen

Im Rahmen der Wanderausstellung vom 7. – 12. November 2016 in Wetzlar und vom 14. – 19. November 2016 in Dillenburg fand am Do., 10.11.2016 der Themenabend »Aufklären & Einmischen • Aydınlatma ve Müdahale« mit Patrick Mayer vomNSU Watch Hessen in der Wetzlarer Werner-von-Siemens-Schule statt.

Themenstellungen des Abends waren:

  • zum NSU Komplex allgemein und speziell zu den Ereignissen in Hessen
  • Erkenntnisse und offenen Fragen zum Verfassungsschutz und zur Rolle Andreas Temmes
  • Informationsblockaden der Landesregierungen und die Arbeit des NSU-Ausschuss des Hessischen Landtages
  • Informationen zur Arbeit von NSU-Watch

Klaus Petri hat uns seinen Bericht, den er für die Wetzlarer Neue Zeitung von der Veranstaltung schrieb, zur Verfügung gestellt. Albinus Großjohann und Ernst Richter ihre Bilder, die sie am Abend machten:

 

Vortrag von Patrick Mayer – »NSU-Watch Hessen« zur der NSU-Mordserie

»Unser Kenntnisstand über die NSU-Mordserie ist heute kaum größer als vor 5 Jahren, als das ‚Kern-Trio‘ des Nazi-Terrornetzwerkes aufflog.« So lautet die Bilanz des 27-jährigen Soziologie-Studenten Patrick Mayer, der als Vertreter der ehrenamtlich arbeitenden Gruppe NSU-Watch Hessen (hessen.nsu-watch.info) vor zwanzig Interessierten in der Siemensschule referierte.

Die aus kritischen Journalisten und engagierten Bürgern bestehende Initiative begleitet den Münchner NSU-Prozess mit der Hauptangeklagten Beate Tschäpe und besucht, dokumentiert und kommentiert die öffentlichen Sitzungen des NSU-Untersuchungsausschusses des Hessischen Landtages. Dieser konstituierte sich auf Betreiben der Oppositionsfraktionen SPD und LINKE und hat den am 6. April 2006 begangenen Mord an dem 21-jährigen Kasseler Internet-Café-Betreiber Halit Yozgat als Hauptuntersuchungsgegenstand.

Dass der Verfassungsschutz-Mitarbeiter Andreas Temme zur Tatzeit vor Ort war, ist inzwischen erwiesen. Er konnte aber von der Polizei weder als Zeuge noch als Tatverdächtigter vernommen werden, weil der damalige Innenminister Volker Bouffier den »Quellen-Schutz« für den im Neonazi- und Islamisten-Milieu arbeitenden Temme über die Belange bei der Aufklärung eines Tötungsdeliktes stellte. Klar ist auch, dass Temme mit zwei Neonazis aus dem Umfeld von »Blood and Honor« am fraglichen Tag längere Telefonate geführt und sich bei der Befragung durch den Ausschuss in Widersprüche verstrickt hat. »Ich war in einem Flirt-Portal unterwegs, deshalb der öffentliche Chat-Room-Besuch, meine Frau sollte davon nichts wissen«, gab er zur Auskunft.

Für Patrick Mayer ist »der Begriff Verfassungsschutz eine beschönigende Bezeichnung für den Inlandsgeheimdienst«. Er nannte den Thüringer Neonazi Timo Brandt als Beispiel für eine unselige Allianz aus Staatsschutz und  Rechtsextremisten: »Der tat sich bei seinen Kameraden vom ›Thüringer Heimatschutz‹ dicke damit, dass er als V-Mann des Verfassungsschutzes über 200.000 Euro Steuergelder für Nazi-Propaganda abgegriffen hat«.

35 dieser 200 Thüringer Neonazis seien zugleich Spitzel des Verfassungsschutzes gewesen. Der Chemnitzer Geschäftsmann und Verfassungsschutzmitarbeiter Ralf Marschner habe enge Kontakte zum NSU-Mord-Trio gehabt, Uwe Mundlos war zeitweilig auf der Lohnliste seiner Bauunternehmung. Höchst unwahrscheinlich sei es, von einer Alleintäterschaft der beiden Uwes und Beate Tschäpes auszugehen: »Da war ein weit verzweigtes Netzwerk zu Gange, vermutlich mit Gewährsleuten an den Tatorten. Bei der Waffenbeschaffung und bei der Anmietung von Wohnverstecken ging das nicht ohne logistische Unterstützung durch die Nazi-Szene.«

In der Zeitschrift »Der weiße Wolf – Rundbrief für Kameraden Ausgabe 1/2002« wurde dem NSU gedankt: »Sein Kampf hat Früchte getragen«. In dieser Zeit habe man zwanghaft die Täter der sogenannten »Döner-Morde« im Umfeld der türkischen Familien gesucht. Das Hamburger Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL habe von einer »undurchdringbaren Parallelgesellschaft der Türken« schwadroniert.

Bekennerschreiben habe es bei der NSU-Mordserie nicht gegeben, aber genau das gehöre zum Werwolf-Konzept der Rechtsterroristen. Filmaufnahmen aus den späten 90ern zeigen Böhnhardt und Mundlos als Teilnehmer von Fackel-Spektakeln der Ku-Klux-Clan – Aktivisten aus Jena. Dies hätten die Staatsschützer sorglos hingenommen. In einer Filmszene kam ein kurdisch-deutscher Anwohner der Kölner Keupstraße zu Wort: »Wir sollen ständig in Angst und Schrecken leben und hier – wo ich aufgewachsen bin - nicht mehr mit unseren Kindern unbefangen spazieren gehen. Das ist die Botschaft der Terroristen.«

Dass nach dem Auffliegen des Trios bei den Dienststellen des Verfassungsschutzes «die Schredder angeworfen wurden«, findet der angehende Soziologe aus der Mainmetropole »skandalös«. Mit Blick auf den hessischen Untersuchungsausschuss – in mehr als 30 Sitzungen wurden über 50 Zeugen vernommen – erkennt er ein »Mauern« der Ausschuss-Mitglieder der Regierungsfraktionen von CDU und GRÜNEN. Statt als Volksvertreter selbstbewusst nachzufragen und aufzuklären, werde sehr pfleglich mit den Leuten vom Inlandsgeheimdienst umgegangen – nach dem Motto »die haben doch nur ihre Arbeit gemacht«.

Der Mann von NSU-Watch wünscht sich mehr öffentliches Interesse für den Untersuchungsausschuss, »das könnte denen mal Beine machen«. In Zeiten des Internet ist das technisch nicht schwer: »Aus den Ausschussitzungen twittern wir live: @nsuwatch_hessen«, heißt es in einer Broschüre der Bürgerrechtsorganisation.

 
 

Fotostrecke vom Themenabend

2016-11-10_NSU-Watch_Themenabend_WZ_01.jpg
2016-11-10_NSU-Watch_Themenabend_WZ_02.jpg
2016-11-10_NSU-Watch_Themenabend_WZ_03.jpg
2016-11-10_NSU-Watch_Themenabend_WZ_04.jpg
2016-11-10_NSU-Watch_Themenabend_WZ_05.jpg
2016-11-10_NSU-Watch_Themenabend_WZ_06.jpg
2016-11-10_NSU-Watch_Themenabend_WZ_07.jpg
2016-11-10_NSU-Watch_Themenabend_WZ_08.jpg
2016-11-10_NSU-Watch_Themenabend_WZ_09.jpg

1 bis 9 von insgesamt 9

 

Nach oben