Veranstaltungen

 
 

Die Opfer des NSU

 

und die Aufklärung der Verbrechen - ISFBB Wanderausstellung

Eröffnungsveranstaltungen zum Ausstellungsbeginn

• 07. – 14. November 2016, Werner-von-Siemens-Schule in Wetzlar

• 14. – 19. November 2016, Gewerbliche Schulen in Dillenburg

Bericht über die Ausstellungseröffnung (NSU-Mordserie) am 7.11. in der Werner-von-Siemensschule

Von Klaus Petri
In Anwesenheit von viel Prominenz aus Politik und Gesellschaft wurde eine Ausstellung über die NSU-Mordserie eröffnet, die noch bis kommenden Samstag im Foyer der Werner von Siemens-Schule zu sehen ist.

Ernst Richter vom Verein »Wetzlar erinnert« und Sprecher des Personenbündnisses »Wetzlar BUNT statt BRAUN« hatte vor 9 Monaten Kontakt zur Ausstellungsmacherin Birgit Mair aus Nürnberg aufgenommen und fand mit der Siemensschule und der örtlichen IG Metall Unterstützer für das Vorhaben, fünf Jahre nach dem Auffliegen der rechtsextremen Terrorgruppe deren scheußliche Verbrechen, die Situation der Opferfamilien, die Rolle von Polizei, Justiz und Verfassungsschutz sowie die gesellschaftlichen Reaktionen darauf zu thematisieren.

Richter begrüßte unter den Gästen mehrere Stadtverordnete und Kreistagsmitglieder, Vertreter der Polizei, der Gewerkschaften sowie Dr. Dirk Hohn (hess. Arbeitgeberverbände) und Heiko Ehrhardt als Vertreter der christlichen Kirchen.

Ein besonderes Lob gab es seitens der Veranstalter für jene 22 jungen Leute, die sich im Vorfeld als sachkundige Begleiter eines 60-minütigen Rundgangs durch die Ausstellung qualifiziert hatten. Oberbürgermeister Manfred Wagner wies in seinem Grußwort darauf hin, dass vieles im Zusammenhang mit dem NSU-Terrornetzwerk Stehende bis heute ungeklärt sei. Er erhalte als Stadtoberhaupt häufig Post von »besorgten Bürgern«, deren Weltbilder meist hinreichende Geschichtskenntnisse vermissen ließen. Deutlich zugenommen habe ein aggressiver Tonfall mit unverschämten Formulierungen, etwa wenn aus AfD-Kreisen  »die Ausweisung von Integrationsbeauftragten« gefordert werde.

Landrat Wolfgang Schuster und der mittelhessische IG Metall-Sekretär Stefan Sachs verwiesen auf das Schicksal ihrer Väter, »die von den Nazis zum Töten abgerichtet worden waren und die Europa und seine Menschen auf eine andere Weise kennenlernen mussten, als wir das heute für selbstverständlich erachten.«

Schulleiter Michael Diehl sieht in der Ausstellung die Chance, »menschenverachtenden Entwicklungen entgegenzutreten und mit couragierten und aufgeklärten jungen Demokraten autoritären Denkmustern und vermeintlich einfachen Lösungen eine Absage zu erteilen.«  Werte wie Solidarität, Gerechtigkeit und Toleranz müssten das Zusammenleben bestimmen und es gelte, »das Anderssein des Anderen als Bereicherung des eigenen Seins zu betrachten und zu erfahren«.

Die NSU-Ausstellung ist aktuell in vier deutschen Städten zeitgleich zu sehen. Mehrere Tafeln schildern die Mordtaten aus der Perspektive jener Migranten-Familien, deren Väter, Söhne und Brüder brutal ermordet wurden. Die Finanzierung des faschistischen Terror-Netzwerkes wird ebenso beleuchtet wie die Rolle der Staatsorgane und die öffentliche Aufarbeitung der Mordserie. Die Diplom-Soziologin Birgit Mair erinnerte daran, dass Begriffe wie »SoKo Halbmond« und »Döner-Morde« einen bornierten Blick der Fahnder auf Motive und Tatverdächtigte offenbaren.

Sachdienliche Zeugenaussagen seien unter den Tisch gefallen und Hinterbliebene habe man zu Hauptverdächtigen erklärt. Im Frühjahr 2007, also erst gegen Ende der Mordserie,  gelangte eine Profiler-Studie zu der Hypothese, dass »Türkenhass das verbindende Element der über ganz Deutschland verteilten Morde« sein könne. Weil ein solch hohes Maß an Skrupellosigkeit und blutrünstiger Gewaltbereitschaft aber »für Angehörige unseres mitteleuropäischen Kulturkreis auszuschließen« sei, habe man diese Idee wieder verworfen.

Einem aufmerksamen Rentner aus Eisenach sei es schließlich zu verdanken, dass dem Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter nicht noch weitere heimtückisch ausgeführte Wahnsinnstaten der rassistischen Täter folgten. Dieser hatte das verdächtige Wohnmobil von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos der Polizei gemeldet.

Besucherguruppen
Die erste Besuchergruppe – Studierende des Hessenkollegs - wurde am Dienstagvormittag von Frederic Theiß begrüßt.Der 17-jährige Schüler des Beruflichen Gymnasiums war von Ernst Richter und seinem Lehrer Markus Zimmermann auf die Tätigkeit als Ausstellungsbegleiter hin angesprochen worden und hatte sich mit anderen von Birgit Mair ›coachen‹ lassen. »Wenn wir eine lebenswerte Zukunft haben wollen, müssen wir uns für Geschichte interessieren und uns um Dinge kümmern, die schief laufen«, äußert er sich zu den Motiven für sein Engagement.

 
 

Bilder von der Eröffnungsveranstaltung

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Birgit Mair: »Den Opfern der NSU-Verbrechen ein Gesicht geben«

Von Ernst Richter
»Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen« – der Titel der Ausstellung klingt eher nüchtern. Dabei geht es bei dem Thema um Schicksale, um Gefühle, um die Erzeugung von Empathie.

Im Beisein zahlreicher Persönlichkeiten aus Politik, Schule und Gewerkschaften, darunter Landrat Wolfgang Schuster (SPD), Dillenburgs Bürgermeister Michael Lotz (CDU), SPD-Landtagsabgeordneter Stephan Grüger, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Herborn, Hans-Peter Wieth und die beiden Schulleiter Volker Luckenbach (gewerblich) und Matthias Riedesel (kaufmännisch) eröffnete Ernst Richter vom Verein »Wetzlar erinnert« am Montagabend die Ausstellung, die noch bis Samstag, den 19. November im Foyer der Gewerblichen Schulen zu sehen ist.

Landrat Schuster mahnte alle Demokraten für die Wehrhaftigkeit der Demokratie einzustehen. Er erinnerte an die Machtübertragung 1933 und die faschistische Gleichschaltung der deutschen Gesellschaft. Er zitierte den evangelische Pastor Martin Niemöller, der das KZ überlebte und später meinte: Als sie die Kommunisten holten, habe ich nicht protestiert. Ich war ja kein Kommunist. Auch nicht, als sie die Sozialdemokraten und Gewerkschafter holten, den ich war ja keiner von ihnen. Als sie die Katholiken holten, habe ich auch nicht demonstriert, da ich kein Katholik bin. Aber als sie mich holten, war keiner mehr da, der protestieren konnte«.

Bürgermeister Lotz kritisierte die Medien, die sich – nach seinem Geschmack zu viel – mit den Tätern beschäftigen würden. Er kritisierte zugleich, dass die Opfer des NSU in der Beichterstattung kaum eine Rolle spielen. Die Demokratie müsse unterschiedliche Auffassungen aushalten. Das gehöre zur politischen Streitkultur dazu. Aber die Bedrohung Andersdenkender gehe gar nicht. Hans-Peter Wieth erläuterte, warum die IG Metall ein derartiges Ausstellungsprojekt unterstütze. Dies sei ein historischer Auftrag nach der Zerschlagung der freien Gewerkschaften durch den NS-Staat. Gewerkschaften müssten aber auch zur Kenntnis nehmen, dass in ihrer Mitgliedschaft der Anteil von Menschen, die zu extrem rechten und rechtspopulistischen Auffassungen neigen, überrepräsentiert seien im Vergleich zur Gesellschaft. »Das ist für uns eine große Herausforderung, der wir uns stellen müssen!«

MdL Stephan Grüger dankte speziell Ernst Richter für sein Engagement und beklagte die Zerstrittenheit im parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtags.  Die Regierungskoalition aus CDU und B 90-Die Grünen blockierten eine umfassende Aufklärung – insbesondere über die Ermordung von Halit Yozgat (dem jüngsten der NSU Opfer aus Kassel) – der Verstrickung des Hessischen Verfassungsschutzes, des involvierten V-Mannes Temme und der Kontakte von V-Männern in die militant-rechte Szene, wie »Sturm 18«.

»Dass die Präsentation den Opfern des ›Nationalsozialistischen Untergrunds‹ ein Gesicht gibt, ist Birgit Mair zu verdanken,« erklärte Richter bei seiner Begrüßung der nachfolgenden Rednerinnen und Redner. Birgit Mair vom ISFBB habe mit den Familien der Opfer gesprochen, sämtliche Tatorte besucht und aufgrund ihrer Recherchen die Ausstellung zusammengestellt. Eindrücklich schilderte sie während der Eröffnung, wie die Ermittlungsbehörden trotz zahlreicher Hinweise auf dem rechten Auge blind waren und zunächst die Opferfamilien in die kriminelle Ecke drängten. Eine bedrückende Stimmung herrschte im Veranstaltungsaal, als sie von der Ohnmacht, der Verzweiflung und der Beschämung der Opferfamilien sprach.

Volker Luckenbach und Matthias Riedesel betonten: »Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass wir das Thema in die Schule holen«. Beide Schulleiter betonten den demokratischen Bildungsauftrag, den auch Berufliche Schulen haben.

Download des Einladungsflyers für die Eröffnungsveranstaltung

 

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Bilder von der Eröffnungsveranstaltung am 14.11.2116 in Dillenburg

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