Demokratiekonferenzen

 
 

Die zweite Demokratiekonferenz fand am 02.12.2015 statt

Junge Flüchtlinge sprachen über ihre Motive zur Flucht, über ihre Hoffnungen, Wünsche und Ziele

Von Klaus PetriRund 50 Menschen aus Verbänden, Bürgerinitiativen, sozialen Projekten und kommunalen Verwaltungen haben sich drei Stunden lang im Nachbarschaftszentrum in Wetzlar-Niedergirmes getroffen, um die eigenen Aktivitäten im Rahmen der bundesweiten Initiative »Demokratie leben!« zu bilanzieren und um sich Gedanken über „gelingende Integration“ von Menschen mit Migrationshintergrund zu machen. Deutschlandweit werden Projekte „gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt“ bis 2019 mit jährlich 30 Mio. Euro gefördert. Der »lokalen Partnerschaft für Demokratie | Wetzlar – Lahn-Dill-Kreis« stehen aus diesem Topf 55 Tausend Euro zu, weitere 5.000 Euro sind Jugendinitiativen zugedacht.

Das 12-köpfige Gremium, das über die Vergabe der Fördergelder entscheidet, nennt sich »Begleitausschuss«. Den Rechenschaftsbericht erstattete Dirk Fellert (Stadtverwaltung Wetzlar). 20 Projektideen verbinden sich mit dem Stichwort »Willkommenskultur für Flüchtlinge«, darunter »Begegnungscafés« und das Projekt »Musik kennt keine Grenzen«. Ferner wurde das Jugendtheaterprojekt »Rasit« gefördert, ebenso das Fotoprojekt »Deutschland geteilt« und das Streetworker-Projekt »Streit schlichten über alle Grenzen hinweg«.

Oberbürgermeister Manfred Wagner (SPD) dankte in seiner Eröffnungsrede Ernst Richter (Verein WETZLAR ERINNERT e.V.) und Harald Würges (Wetzlarer Tafel, sowie von der Flüchtlingshilfe Mittelhessen) für deren zivilgesellschaftliches Engagement für Demokratie, Toleranz und geschichtliche Erinnerungsarbeit.

Eine Redaktionsgruppe mit Annika Schmidt-Ehry, Anja Veit, Hans Martin Hild, Detlef Gulde, Ernst Richter und einem syrischen Journalisten ist dabei, einen regionalen Homepage-Auftritt von »Demokratie leben!« ermöglichen.

Im Zentrum der Demokratiekonferenz stand eine Gesprächsrunde mit Flüchtlingen aus Syrien, dem Iran und aus Eritrea, die von Harald Würges moderiert wurde. »Die aufnehmende Gesellschaft und die Migranten müssen sich offen und mit Neugierde begegnen, dann kann Integration gelingen und zu einer ›win-win-Situation‹ werden«, waren sich die Diskussionsteilnehmer einig.

Der studierte Betriebswirt Mahmood Irani (Wetzlar), der vor 34 Monaten »auf luxuriöse Art, nämlich mit einem Lufthansaflug« nach Deutschland kam, ist inzwischen ein anerkannter Asylbewerber. Auf die Frage nach seiner Nationalität gibt er seinen deutschen Gesprächspartnern zur Auskunft, dass er ein »Perser« sei: „Da denken die Leute an attraktive Perserkatzen. Mit dem ‚Iran‘ hingegen wird das Mullah-Regime und Terror assoziiert.“ Schlimm für ihn war, die ganze Zeit zum Nichtstun verdammt gewesen zu sein.

In der Wetzlarer Gastronomie hat er zeitweilig für einen Hungerlohn von 400 Euro monatlich in Doppelschichten als Koch gearbeitet. Inzwischen ist Irani beim Sozialamt beschäftigt: »Hier kann ich anderen Menschen helfen. Das ist für mich – neben der persönlichen Freiheit – etwas Großartiges. Allerdings vermisse ich meine Familie, die weiterhin im Iran lebt.«

Nach 3 Monaten dürfen Flüchtlinge mittlerweile eine Tätigkeit aufnehmen. Vielfach ist der Besitz eines Führerscheins dafür eine Voraussetzung. Ganze 6 Monate wird die im Herkunftsland erworbene Fahrerlaubnis anerkannt, dann muss eine in Deutschland abgelegte Fahrschulprüfung nachgewiesen werden. Für Ernst Richter »eine bürokratische Absurdität, die schleunigst abgeschafft gehört«.

Mohamed Y. ist aus Eritrea über den Sudan und Libyen nach Deutschland gekommen und froh darüber, »nachts ruhig schlafen zu können und auch ohne Erlaubnis meiner Vorgesetzten essen zu dürfen und Toilettengänge erledigen zu können«. Er wurde in seiner Heimat in eine Militäruniform gezwungen und ließ zwei Oppositionelle aus seiner Obhut entwischen. Der monatliche Sold entsprach dem Gegenwert von 5 Päckchen Zigaretten. Religiöse Bi-Konfessionalität ist Mohamed vertraut: »Mein Vater ist zugleich mit einer Katholikin und einer Muslima verheiratet.«

Ibrahim aus Syrien hat acht Geschwister und ist 2013 über den Libanon und Russland hergekommen. Er hat aus Syrien eine diffuse Angst vor allen Uniformträgern mitgebracht, um dann hier die Erfahrung zu machen, dass »Polizisten auch für meine persönliche Sicherheit einstehen«. Bei Behördengängen waren unzureichende Deutsch-Kenntnisse ein großes Handicap: »Telefonische Assistenz von mir bekannten Übersetzern wurde nicht akzeptiert, die in Amtsdeutsch abgefassten Schreiben ließen mich verzweifeln. Hier hätte ich mir ganz praktische Unterstützung gewünscht.«

Ein Bruder von Ibrahim lebt in Schweden, wo dies deutlich besser geregelt sei: »Einer Gruppe von 10 Flüchtlingen wird dort ein ortskundiger Betreuer zur Seite gestellt, der Kontakte herstellt und Übersetzerdienste leistet.« Ibrahim hat für sich ein duales Studium (Fachrichtung Verwaltung) anvisiert.

Der 32-jährige Mohamed Osman war in seiner Heimatstadt Aleppo ein angesehener Fotograf, dem seine Ausrüstung beschlagnahmt wurde und dem als syrischem Kurden und »Ungläubigem« von den ausländischen IS-Söldnern die Daseinsberechtigung in Syrien abgesprochen wird: »Wir kommen nicht wegen 300 Euro Unterstützungsgeld hierher. Ich habe als Hochzeitsfotograf 200 Euro am Tag verdient. Von den 10.000 Euro, die ich für Schlepperdienste bezahlt habe, könnte ich ein Jahr lang in Syrien gut leben. Der Krieg lässt das nicht zu. Ich wünsche mir am allermeisten Frieden für mein Land.«

Viel Lob seitens der Migranten gab es für die Aktivitäten der »Flüchtlingshilfe«. Mustafa Quertani regte an, als Ergänzung eine Selbsthilfegruppe »Kinder Abrahams« zu konstituieren. Binali Dikme bot die Dienste der Arbeitsagentur bei der Jobvermittlung an. Die GWAB wurde als Beratungs- und Anlaufstelle für die Anerkennung von Berufsabschlüssen genannt. Lobende Erwähnung fanden zudem Schülerinitiativen zur Unterstützung von Flüchtlingen, wie es sie inzwischen am Hessenkolleg, an der Albert-Schweitzer-Schule, an der Goethe- und an der Käthe-Kollwitz-Schule gibt.

Für 2016 wurde vereinbart, das es zwei Demokratiekonferenzen geben soll:

  • am Mi., 11. Mai
  • am Mo., 26. September

Als Themenschwerpunkte sollen aufgegriffen werden

  • Deklassierungsängste und Rechtspopulismus - Ursachen, Wirkungen und die Beziehungen beider Themenbereiche
  • Gestaltung eines Meetings für Jugendliche

Kontakt über das Magistratsbüro der Stadt Wetzlar
Neues Rathaus
Ernst-Leitz-Straße 30
35578 Wetzlar

denokratie-leben@wetzlar.de
Ansprechpartner:
Dirk Fellert
Telefon : 06441/99-1040
Thomas Kraft
Telefon : 06441/99-1045
Fax: 06441/99-1044

 

Bildergalerie von der Konferenz

Von Links: Mohamed (aus Eritrea), Ibrahim (aus Syrien),Harlad Würges (Moderation), Mohammad und Ali (aus Syrien) und Machmut (aus dem Iran)

Von Links: Mohamed (aus Eritrea), Ibrahim (aus Syrien),Harlad Würges (Moderation), Mohammad und Ali (aus Syrien) und Machmut (aus dem Iran).

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