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Holocaustgedenktag

 

Gedenkstunde 2018 am Mahnmal für die Opfer des NS-Regimes in Wetzlar

Im Gedenken an die Opfer des Holocaust

versammelten sich Vertreterinnen und Vertreter der Wetzlarer Stadtgesellschaft am Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus im Rosengärtchen oberhalb des August-Bebel-Platzes. Hierzu hatte der Magistrat der Stadt Wetzlar und der Stadtverordnetenvorsteher (Udo Volck) eingeladen. Nach einer Ansprache durch das Stadtoberhaupt erfolgte eine Kranzniederlegung durch den Stadtverordnetenvorsteher Udo Volck und Oberbürgermeister Manfred Wagner.

 

Rede des Oberbürgermeisters Manfred Wagner (SPD)
Es gilt das gesprochene Wort

Meine sehr geehrten Damen und Herrn!
Ich danke Ihnen, dass Sie der Einladung der Stadt Wetzlar zu dieser Gedenkstunde anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus gefolgt sind.

Einmal mehr haben wir uns an dem Mahnmal im Rosengärtchen versammelt, das an die Gräueltaten der Nazi-Diktatur und an ihre Opfer erinnert.

Ein Ort des Gedenkens, ein Mahnmal, das leider immer noch nicht allzu vielen Einwohnerinnen und Einwohnern unserer Stadt wirklich bewusst ist.

Und dennoch ist dieses sehr schlichte, aus einer »abgebrochenen Marmorsäule« bestehende Denkmal  in meinen Augen ein sehr wichtiger Platz des Innehaltens in unserer Stadt.

1987 wurde  dieses Mahnmal auf Initiative des damaligen Denkmalpflegers der Stadt Wetzlar, Herrn Walter Ebertz, errichtet.

Es sollte in erster Linie an die Wetzlarer Opfer des Faschismus und insbesondere an Jakob Sauer erinnern.

Jakob Sauer wurde in den letzten Kriegstagen des Jahres 1945 auf Geheiß des damaligen Kreisleiters der NSDAP, Wilhelm Haus, am Wetzlarer Friedhof in der Bergstraße erhängt.

Jakob Sauer hatte einen Tag vor dem Einmarsch der Amerikaner in Wetzlar an seinem Haus ein Pappschild angebracht auf dem stand:

»Schütze mein Haus! Wir sind keine Nazis!
Wir begrüßen die Befreier!«

Vor drei Jahren haben wir – Stadtverordnetenversammlung und Magistrat der Stadt Wetzlar – erstmals eine Einladung ausgesprochen, um uns an diesem Platz zu versammeln und den Opfern des Nationalsozialismus zu gedenken.

Anknüpfungspunkt war der 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz.

Auschwitz ist das Synonym für den Massenmord der Nazis an den europäischen Juden.

Auschwitz ist der Ausdruck des Rassenwahns und das Kainsmal der deutschen Geschichte.

Und genau so, wie Auschwitz-Birkenau, sind es die Namen der anderen Vernichtungslager, die mit der Geschichte der Opfer, aber auch mit der europäischen und der deutschen Geschichte für immer verbunden sein werden.

Das wissen wir.

Wir tragen diese Bürde in Trauer, aber auch in ernster Verantwortung.

Millionen von Kindern, Frauen und Männern wurden von deutschen SS-Mitgliedern und ihren Helfershelfern durch Gas erstickt oder ausgehungert und erschossen.

Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, politische Gegner, Kriegsgefangene und Widerstandskämpfer aus ganz Europa wurden mit kalter, industrieller Perfektion vernichtet oder bis zum Tode versklavt.

Einen tieferen Riss durch Tausende Jahre europäischer Kultur und Zivilisation hatte es nie zuvor gegeben.

Es hat einige Zeit gedauert, bis dieser historische Riss nach Kriegsende in seinem ganzen Ausmaß erfasst wurde.

Wir kennen ihn, aber ich bezweifle, dass wir ihn jemals begreifen können.

Vergangenheit lässt sich nicht, wie es oft heißt, »bewältigen«. Sie ist vergangen.

Doch ihre Spuren und vor allem ihre Lehren reichen in die Gegenwart.

Für das Ausmaß des Grauens, der Qualen und des Leids, das in den Konzentrationslagern geschah, wird es niemals einen Ausgleich geben können.

Der Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, der sich heute zum 73. Mal jährt, wurde 1996 auf Initiative des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog offizieller deutscher Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus.

Und in diesen Tagen sind wir uns auch bewusst, dass vor 76 Jahren die sogenannte »Wannsee-Konferenz« der Nazis stattfand.

Der millionenfache Mord an den europäischen Juden war damals aber längst beschlossen.

Die Vorbereitungen begannen bereits 1933, als die NS-Diktatur das »Gesetz zur Verhinderung des erbkranken Nachwuchses« erließ.

Brutale Eingriffe in die Würde behinderter Menschen waren die Folge.

In den sogenannten »Heil- und Pflegeanstalten« erprobte das medizinische Personal die Tötung durch den Einsatz von Gas - das Muster für den millionenfachen Massenmord, der im Rahmen der »Wannseekonferenz« von  hochrangigen Nazis menschenverachtend organisiert wurde.

 

Wir treffen uns jährlich am 9. November am Ort der ehemaligen Synagoge, um an die schrecklichen Ereignisse der Reichspogromnacht und an die Verfolgung jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger zu erinnern.

Wir erinnern mit einem Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof an jüdische Mitbürger, die während der Nazi-Zeit aus unserer Stadt vertrieben wurden, die umgebracht wurden, die verschollen sind.

Wir erinnern mit Publikationen, oder mit »Stolpersteinen«, mit einem Weg der Erinnerung in unserer Stadt an die dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte.

Wir kommen am Vorabend eines jeden Volkstrauertages zusammen, um in Gedanken bei den Opfern der Kriege zu sein und um damit ein deutliches »Nie wieder« zum Ausdruck zu bringen.

Wir diskutierten in unserer Stadt mitunter auch über richtige und zeitgemäße Formen des Erinnerns.

Bei all dem waren und sind wir Demokraten uns aber in dem Ziel einig: die Erinnerung an die grausamen Kapitel unserer Geschichte muss unser Selbstverständnis als Nation auch weiterhin prägen. 

Unser heutiger Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte am letzten Tag seiner Amtszeit als Außenminister:

»Das Erinnern hat kein Ende und darf es auch nicht haben.«

 

Den Nachfahren der Opfer und den Überlebenden eine gewisse Genugtuung zu verschaffen, ist möglich, indem wir der Opfer  gedenken, indem wir ihr Schicksal als Mahnung begreifen.

Doch welche Lehren ziehen die Menschen, zieht unsere Gesellschaft aus diesen Ereignissen?

Diese Frage stellt sich gerade in Zeiten wie diesen,

  • in Zeiten, in denen wir von Schreckensnachrichten über Krieg, Terror, Verfolgung, Mord, Flucht und Vertreibung nahezu überschüttet werden,
  • in Zeiten, in denen Menschen Schutz und Zuflucht suchen und in denen wir verspüren, dass die Globalisierung eben keine Einbahnstraße ist,
  • in Zeiten, in denen uns die Taten des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) sprachlos zurück lassen,
  • in Zeiten, in denen unsere Wahrnehmung ein wenig eindimensional zu werden droht, in denen wir Straftaten, die von Menschen mit Migrationshintergrund verübt wurden, zu recht ächten und unsere Gastfreundschaft verletzt sehen, aber vielfach Taten, die von unseren Landsleuten begangen werden, mit einer zurückhaltenderen Aufmerksamkeit belegen, als sähe unsere Rechtsordnung Unterschiede vor.

Unsere Rechtsordnung sieht aber keine Unterschiede vor.

 

Wer sich gegen das Recht stellt, egal welcher Herkunft, egal welcher Hautfarbe, egal welchen religiösen Bekenntnisses, der muss die Konsequenzen des Rechtsstaates gleichermaßen verspüren.

Wer hat die Ereignisse, die sich vor 25 Jahren in Rostock-Lichtenhagen zutrugen, verdrängt, als Flammen aus Flüchtlingswohnungen loderten, als Gaffer johlten und den Neonazis applaudieren - eine Schande für Deutschland und wer hat denn 2016 mehr als 1.000 Flüchtlingsunterkünfte angezündet?

in Zeiten, in denen führende Politiker der selbsternannten Alternative für Deutschland sich der Sprache der Nazis bedienen und dazu aufrufen, türkische Geschäfte zu boykottieren oder Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe diffamieren,

 

in Zeiten, in denen das Bundesverfassungsgericht die bisherige Einordnung zwischen verbotenen und nicht verbotenen Parteien aufweicht und eine von unserem Rechtssystem kaum händelbare dritte Kategorie schafft, indem sie die NPD als ganz klar verfassungsfeindlich einstuft, sie zugleich aber unter dem Schutz unserer Verfassung gewähren und die Kommunen, wie z.B. bei den Ansprüchen zur Nutzung öffentlicher Einrichtungen, alleine lässt,

  • in Zeiten, in denen die einst als Sektierer verspottete Gruppe der Reichsbürger Zulauf hat, sich zunehmend organisiert und in vielfacher Weise einen Staat ausnutzt, den es nach ihrem Weltbild gar nicht gibt,
  • in Zeiten, in denen auch in unserer Region – wie vor wenigen Tagen geschehen - organisierter Rechtsextremismus durch den Staatsschutz ausgehoben wird,
  • In Zeiten wie diesen stellt sich die Frage nach der kollektiven Verantwortung immer wieder neu – mehr denn je!

Und am Ende braucht auch keiner sagen, er habe es nicht gewusst.
Jeder kann wissen, jeder hätte wissen können.

Und gerade auch angesichts dieser aktuellen Beispiele ist es zutiefst unsere Pflicht, dass wir am 27. Januar eines jeden Jahres diesen Ort aufsuchen, um der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken.

Die beste Versicherung gegen Völkerhass, gegen Totalitarismus, gegen Faschismus und Nationalsozialismus ist und bleibt die lebendige Erinnerung an und die aktive Auseinandersetzung mit der Geschichte.

Roman Herzog betonte bei der Proklamation des Gedenktages: 

»Ich wünsche mir, dass der 27. Januar zu einem Gedenktag des deutschen Volkes, zu einem wirklichen Tag des Gedenkens, ja des Nachdenkens wird.

Nur so vermeiden wir, dass er Alibi-Wirkungen entfaltet, um die es am allerwenigsten gehen darf.«

Manches Erinnern erfordert Mut und Beharrlichkeit, manches Erinnern ist eine Pflicht, die uns der Wille zur Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit gegenüber Schuld und Versagen auferlegt.

Wie halten wir es mit dem »Nie wieder«, mit dem Wort »währet den Anfängen«, mit der Frage nach der Würde des Menschen?

Schließlich bestimmt Artikel 1 unseres Grundgesetztes die Würde des Menschen nicht zu einem Exklusivrecht der Deutschen. Sie ist nicht teilbar.

Was tun wir, wenn menschenverachtende Töne immer mehr um sich greifen, wenn sie über soziale Netzwerke geteilt werden, wenn Gewalt gegen Sachen und gegen Menschen ausgeübt wird, wenn das Gewaltmonopol des Staates offen in Frage gestellt wird.

Das alles kann – das alles darf uns nicht egal sein! Das alles ist eine Frage der Haltung.

Gerade nicht nach dem, was die Nazis in perverser Form »Euthanasie« nannten, gerade nicht nach den Ereignissen, von Auschwitz, gerade nicht nach der Ermordung jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger aus unserer Stadt oder solcher Gräueltaten, wie sie in Wetzlar an Jakob Sauer verübt wurden.

Wir haben Verantwortung nicht nur für unser Tun sondern auch für unser Unterlassen.

Jedes Zeichen, das unser Postulat »Nie wieder« bestärkt, ist ein wichtiges Zeichen.

Und daher ist es wichtig, dass wir uns heute in Wetzlar, wie an vielen anderen Plätzen in dieser Republik versammeln und an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern.

Ich danke Ihnen für Ihr Kommen, ich danke Ihnen, dass Sie mit uns gemeinsam ein Bekenntnis dafür abgeben, dass die Kultur des Erinnerns unverzichtbar ist.

Als äußeres Zeichen des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus werde ich nun gemeinsam mit Herrn Stadtverordnetenvorsteher Udo Volck einen Kranz der Stadt Wetzlar am Mahnmal niederlegen.


–› Download der Rede als PDF

 
 
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