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Demokratie braucht bürgerschaftliches Engagement, Zivilcourage und Toleranz!

 

Informationen zur Verleihung des Preises durch die SPD in Wetzlar

»Demokratie braucht bürgerschaftliches Engagement, Zivilcourage und Toleranz!«

Diese Erkenntnis war für die Wetzlarer SPD vor nahezu zehn Jahren Veranlassung, der Frage nachzugehen, welcher Beiträge es bedarf, um das demokratische Bewusstseins, das bürgerschaftlichen Engagements und die Zivilcourage zu stärken. So entstand der Lina-Muders-Preis, um bürgerschaftliches Engagement auszuloben, öffentlich anzuerkennen und zu fördern.

 

Der Stadtverband Wetzlar der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) hat den »Lina-Muders-Preis« zur Anerkennung und Unterstützung für den Einsatz gegen Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Diskriminierung und zum Zwecke der Stärkung des demokratischen Engagements gestiftet.

Mit dem jährlich in Höhe von 500,-- € dotierten Preis will der SPD-Stadtverband seit 2008 vorbildliche Projekte und Handlungen zur Stärkung des demokratischen Bewusstseins und des bürgerschaftiichen Engagements für die Werte unserer Gesellschaft aber auch zivil- couragiertes Handeln anerkennen und unterstützen. Der Preis wird sowohl an Gruppen, Organisationen, als auch Einzelpersonen vergeben werden.

Vorschläge für die Nominierung von möglichen Preisträgerinnen und Preisträgern können beim Stadtverband Wetzlar in der Regel bis Mitte Dezember zur Vergabe im Folgejahr eingereicht werden.

Wer entscheidet über den Preis

Die Auswahlentscheidung erfolgt durch Jury, in der neben Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten Vertreterinnen und Vertretern gesellschaftlicher Organisationen und Institutionen sitzen. Die Preisverleihung erfolgt im ersten Quartal des Folgejahres.

 
 

Warum gibt es den Lina-Muders-Preis

»Demokratie braucht bürgerschaftliches Engagement, Zivilcourage und Toleranz!« Diese Erkenntnis war für die Wetzlarer SPD vor nahezu zehn Jahren Veranlassung, der Frage nachzugehen, welcher Beiträge es bedarf, um das demokratische Bewusstseins, das bürgerschaftlichen Engagements und die Zivilcourage zu stärken. So entstand der Lina-Muders-Preis, um bürgerschaftliches Engagement auszuloben, öffentlich anzuerkennen und zu fördern.

Demokratie braucht bürgerschaftliches Engagement, Zivilcourage und Toleranz!
Von OB Manfred Wagner
(SPD-Stadtverbandsvorsitzender)

Diese Erkenntnis war für die Wetzlarer SPD vor nahezu zehn Jahren Veranlassung, gemeinsam mit Uwe-Karsten Heye, dem früheren Regierungssprecher von Bundeskanzler Gerhard Schröder, der damals dem Verein »Gesicht zeigen« vorstand, in öffentlicher Runde der Frage nachzugehen, welcher Beiträge bedarf es, um das demokratische Bewusstseins, das bürgerschaftlichen Engagements und die Zivilcourage in unseren Städten und Gemeinden zu stärken.

In dieser Veranstaltung hielt Uwe-Karsten Heye damals der Gesellschaft relativ klar und deutlich den Spiegel vor. Sein nüchterner Befund beschrieb Übergriffe auf Menschen, weil sie eine andere Hautfarbe, eine andere sexuelle oder religiöse Orientierung oder andere Lebensentwürfe haben.

Er kennzeichnete die Tatsache, dass Bürgerinnen und Bürger unseres Staates die Verbrechen der Nazis gegen die Menschlichkeit leugnen, dass Einschüchterungen und Übergriffe auf Menschen verübt werden, die sich mit dem Phänomen »Rechtsradikalismus« auseinandersetzten und diese besorgniserregenden Entwicklungen ans Tageslicht bringen.

Er setzte sich aber auch mit Erfahrungen auseinander, die zunehmend unseren Alltag kennzeichneten. Nämlich, dass Menschen sich häufig wegschauen, wenn andere bedroht werden und in Gefahr sind.

Für die Wetzlarer Sozialdemokratie war diese Ausgangslage Veranlassung, den Lina-Muders-Preis auszuloben und in der Folge regelmäßig zu verleihen.

Heute – einige Jahre später – verspüren wir, dass in unserer Gesellschaft Entwicklungen stattfinden, die diese Sorgen – die vor Jahren zu artikulieren waren – nicht wegwischen, sondern deutlich bestärken.

Von einem tatsächlichen Wandel will ich nicht reden. Dies wäre alles andere als angemessen und richtig angesichts der klaren aufgeklärten und rechtsstaatlichen Haltung vieler Menschen in unserem Land und der deutlich vernehmbaren Stimmen derer, die das Wort »Nie wieder!« ernst nehmen und im Angesicht derer, die dafür stehen, den Anspruch unseres Grundgesetzes »Die Würde des Menschen ist unantastbar« zu verteidigen und mit Leben zu erfüllen und all derer, die den gesellschaftlichen Dialog auf der Basis unseres Grundgesetzes mit dem Ziel des Zusammenhalts und nicht des Gegeneinanders zu führen.

Doch da wir alle hören und sehen können, müssen wir zur Kenntnis nehmen: spätestens seit der zunehmenden Zahl von Flüchtlingen, die aus existenzieller Sorg um Leib und Leben oder vor Gesundheits-, Hunger- und Elendskatastrophen den Weg nach Europa und nach Deutschland suchen, verschärft sich die Tonlage in unserem Land, nehmen klar rechtsradikal zu verortende Straftaten zu. Die Hemmschwelle sinkt!

Manch irre Geister in unserem Land fühlen sich durch die Schwäche Europas ermutigt und bestärkt, in der Flüchtlingsfrage keine klare und gemeinsame Antwort zustande zu bringen. Europa, das uns in unseren Breiten über sieben Jahrzehnte Frieden gewahrt hat, das für unser Land gleichbedeutend ist mit wirtschaftlichen Vorteilen, schafft es in diesen Stunden und Tagen nicht deutlich zu machen, dass die Europäische Union wirklich eine Wertegemeinschaft ist. Die, die gestern noch die Solidarität Europas beim Weg in eine demokratische Gemeinschaft und beim Aufbau ihres Staates empfingen, sind heute diejenigen, die der Solidarität gegenüber Dritten am stärksten Maße ablehnend gegenüberstehen.

Die Frage, ob Europa eine Gemeinschaft mit einheitlichen Werten ist, stellt sich zunehmend. Doch auch im eigenen Land stellt sich die Frage, wie wir es mit unseren Werten halten. Die Frage nach dem gesellschaftlichen Grundkonsens, der bisher für die doch so erfolgreiche Entwicklung in unserem Land– gerade auch in herausfordernden Zeiten wie dem Einigungsprozesses – tragend war, wird von vielen derzeit doch in Frage gestellt.

·      Wenn Ministerpräsidenten über die Herrschaft des Unrechts an den Landesgrenzen schwadronieren,

·      wenn Bundeskanzlerin Merkel eine humanitäre Linie in der Flüchtlingspolitik verfolgt und Rechtsaußen ihrer Partei, wie ihr heimischer Landtagsabgeordneter in Blättern, wie der »Jungen Freiheit« publizieren und mit ihren Botschaften zu ihrer Kanzlerin auf Distanz gehen,

·      wenn die Damen an der Spitze der AfD, die zum Teil in der DDR sozialisiert sind, über die Anwendung von Waffengewalt an den Grenzen unseres Landes reden, also bewusst Grenzen überschreiten um zu provozieren, oder sich in die These versteigen, die Bundeskanzlerin müsse das Land in Richtung Chile verlassen,

dann muss man sich über vieles von dem, was gegenwärtig geschieht, nicht wirklich verwundert zeigen.

Doch wohin führt diese Entwicklung?
Wohl keineswegs zu einer Stärkung unserer Grundwerte, dessen darf man sich gewiss sein. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es geht keineswegs darum, Unrecht nicht beim Namen zu nennen. Es geht nicht darum Fehler zu vertuschen.

Doch kann es doch nicht unwidersprochen hingenommen werden, dass in unserem Rechtsstaat die verfassungsmäßig garantierte Freiheit der Presse inzwischen mit Sprüchen wie – ich zitiere aus der aktuellen Ausgabe des Spiegels »Ekelhafte Propaganda – Ihr seid die schlimmsten Hetzer seit Goebbels« oder »Euch kriegen wir auch noch! Redaktionsnamen, Angehörige und Familien. Alles kein Ding heutzutage …« quittiert wird

Es kann auch nicht unwidersprochen hingenommen werden, wenn sich in unserer Gesellschaft zunehmend Hass und Gewalt ausbreiten. Jeder, der sich außerhalb unserer Rechtsordnung stellt muss die Konsequenz des Rechtsstaates spüren und das möglichst schnell. Egal, ob es diejenigen sind, die in der Silvesternacht in unseren Großstädten insbesondere Frauen in ihrer Würde zutiefst verletzt und Straftaten begangenen haben, oder aber die Deutschen, die Flüchtlingsheime anzünden. Hier kann und darf es keinen Unterschied geben zwischen Menschen mit oder ohne Migrationshintergrund.

Und dort, wo Vollzugsdefizite bestehen, dort muss zwingend nachgesteuert werden, damit das demokratisch gesetzte Recht zur Anwendung und Umsetzung gelangt. Denn nur das Recht sichert unsere Freiheit. Und in dem Kontext muss ernsthaft darüber neu befunden werden, wie stark oder wie schwach der Staat sein muss, damit er seine Garantenfunktion erfüllen kann.

Es gibt aber auch, die vielen guten Beispiele und Zeichen einer funktionierenden Bürgergesellschaft und die dafür häufig ehrenamtlich arbeitenden Menschen herauszustellen, indem wir ihr selbstbewusstes Tun wertschätzen und würdigen.

Dies wollen wir mit dem Lina-Muders-Preis tun.

Anlässlich der Preisverleihung am 15.02.2016.

 

 

 
 
  • 2010
    Siegrid Zimmer
    für das inner- und außerschulische Engagement gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit
    und der Jahrgang 10 der August-Bebel-Schulefür die Präsentation auf einem schulischen Aktionstag im April 2009 gegen Rechts (Bunt statt Braun), bei der die Schülerinnen und Schüler ihre Kenntnisse und Eindrücke der ganzen Schule vermittelten, die sie bei einer Fahrt in das ehemalige KZ Buchenwald gewonnen hatten.
  • 2011
    Harald Würges

    für seinen langjährigen und unermüdlichen Einsatz benachteiligter Menschen und entsprechender Projekte, wie das Streetworker-Projekt, die Wetzlarer Tafel, der Kindertafel Ratatui.
  • 2012
    Streetworker-Projekt
    für das langjährige ehrenamtliche und mit gemischt-ethnischen Gruppen im Freibad Wetzlarer »Domblick« durchgeführte Gewalt deeskalierende Wirken:
  • und die Theatergruppe Sandkörner der Diakonie Lahn-Dill
    für die Bestärkung psychisch kranker Menschen, mit ihrer Erkrankung offen umzugehen und für das Engagement zum Abbau von Vorurteilen gegenüber psychisch Kranken.
  • 2013
    Bündnis gegen Nazis
    für den beständigen Einsatz gegen Antisemitismus, Diskriminierung Andersdenkender, Fremdenfeindlichkeit und Faschismus. Insbesondere für die Konzeptionierung und Realisierung des »Weg der Erinnerung« als antifaschistische Stadtführung durch Wetzlar
    und den AK Flüchtlingen
    für ein tolerantes Miteinander und gegen Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung in der Stadt Wetzlar und dem lahn-Dill-Kreis.
  • 2015:
    Peter-Härtling-Schule
    Für
    die vielfältigen Bemühungen, Schülerinnen und Schüler für die Werte der Demokratie zu begeistern und dies monatlich im Rahmen eines von Schülern/innen geleiteten Kinderrates zu praktizieren und weiterzuentwickeln.und die Wali (Arbeitsloseninitiative des Lahn-Dill-Kreises)
    für
    ihr fortwährendes Engagement für arbeitslose Menschen, insbesondere durch Projekte mit betroffenen, um deren gesellschaftlicher Stigmatisierung entgegenzuwirken und damit einhergehend immer wieder zur öffentlichen Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus, Rechtspopulismus und Rassismus aufzufordern.
  • 2016:
    Albert-Schweitzer-Schule
    für die engagierte Aufnahme und schulische Begleitung von Flüchtlingskindern als ein Zeichen zur Wahrung der Menschenwürde. Die Laudatio hielt Irmtrude Richter
    und Bettina Twsnick
    für ihre unermüdliche Arbeit zur Begleitung und Unterstützung von Menschen, die aus purer Angst um Leib und Leben ihre Heimat verlassen und Schutz suchend sind. Die Laudatio hielt Thomas Le Blanc
 
 

Lina Muders wurde 1892 in Wetzlar geboren. Sie war verheiratet mit Anton Muders, der in Wetzlar das Reichsbanner leitete. Die Arbeiterfrau aus der Wetzlarer Neustadt trat 1919 in die SPD ein.

In der Zeit der Nazi-Diktatur gehörte Lina Muders der Widerstandsgruppe um Willy Knothe an. Der 1888 in Kassel geborene Knothe trat in jungen Jahren der SPD bei. Er gehörte zu den ganz wenigen, die mit August Bebel in freundschaftlicher persönlicher Beziehung standen.

Willy Knothe wurde nach dem Ersten Weltkrieg im Jahre 1920 zum Parteisekretär für den Unterbezirk Wetzlar berufen. Hier kam er auch mit Lina Muders in Kontakt.

Nach der Machtübertragung auf Hitler wirkte Knothe illegal. Er wurde im April 1935 wegen Fortführung verbotener Organisationen und Vorbereitung zum Hochverrat zu zwei Jahren Zuchthaus und 10 Monaten Gefängnis verurteilt. Als ihn die Gestapo 1944 erneut festgesetzt hatte, entging Knothe durch seine Flucht der Liquidierung.

Lina Muders wurde als Mitglied der Widerstandsgruppe um Willy Knothe durch das nationalsozialistische Regime ebenfalls verhaftet und verurteilt. Sie saß von 1937 bis 1938 im Zuchthaus in politischer Haft.

Beide haben für ihre Überzeugung gestanden und dafür auch Repressalien auf sich genommen.

Wie Willy Knothe war auch Lina Muders nach dem Krieg sofort zur Stelle, um das demokratische Gemeinwesen wieder aufzubauen.

Knothe wurde Mitglied des Hessischen Landtages und des Deutschen Bundestages. Nach dem Krieg war er Landesvorsitzender der SPD in Hessen und war Mitglied des Bundesvorstandes der SPD, zeitweise deren 2. stellvertretender Bundesvorsitzender. Gemeinsam mit Erich Ollenhauer und Kurt Schumacher führte er die Sozialdemokratische Partei.

Lina Muders engagierte sich in Wetzlar
1945 war sie Mitbegründerin der SPD in Stadt und Kreis Wetzlar und baute die Arbeiterwohlfahrt, deren zweite Vorsitzende sie zeitweise war, wieder auf.

Lina Muders war von 1946 bis 1964 Mitglied des Kreistages des Landkreises Wetzlar.

Ihr großartiges und selbstloses  Wirken wurde mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes und der Maria-Jucharz-Plakette – der höchsten Auszeichnung der Arbeiterwohlfahrt – gewürdigt.

Im vergangenen Jahr wurde nach ihr im Wetzlarer Neubaugebiet »Rasselberg« eine Straße nach ihr benannt.

Mit der Tatsache, dass die Wetzlarer SPD ihren Preis nach Lina Muders benannt hat, stellt eine Anerkennung ihres aufrechten Gangs und eine Verneigung vor ihrer Lebensleistung dar, die auf diese Weise in Erinnerung behalten werden soll.

 

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